Realschule – der Anfang vom Ende?

Kann es angehen, dass die Einteilung in eine Realschule Familien in Kummer und Sorgen stürzt? Nein, findet «Bluewin»-Kolumnistin Kerstin Degen – warum bloss entscheiden in unserer Gesellschaft gute Schulleistungen über die soziale Anerkennung?

Kaum weicht der bunt bebilderte, ergonomisch geprüfte Schulthek in Pink und Blau dem lässigeren, weniger ergonomischen Rucksack, da steht unser Nachwuchs schon vor der Frage nach der Berufswahl. Zumindest vermeintlich, scheint die Einteilung in die Oberstufe hierzulande doch über die Karrierechancen zu entscheiden – und überhaupt über den sozialen Status.

Dabei sind die Halbwüchsigen gerade einmal zwölf Jahre alt, stehen in der pubertären Blüte, haben Schmetterlinge im Bauch. Mathematik und Französisch? Nebensache. Verständlich, nicht? Oder ist Ihnen etwa Mathe nicht aus dem Kopf gegangen, als Sie Zahnspange trugen und Pubertätspickel hatten?

Büffeln bis die Köpfe qualmen

Sicher, es gibt Mittelschüler, die mit derart glänzenden Noten gesegnet sind, dass alles ein Selbstläufer ist. Doch andernfalls wird gebüffelt, bis die Köpfe rauchen, selbst wenn Mami und Papi dafür auch nochmal in die Bresche springen müssen. Das unbedingte Ziel: Die gymnasiale Matura oder eben die sekundäre Schulausbildung mit höchstmöglichem Anspruch.

Nun gibt es in der Schweiz ja die kantonalen Unterschiede, was die Bezeichnungen der Schulen auf Sekundärstufe anbelangt. Doch Fakt ist: Spätestens zu Beginn der fünften Klasse beginnt das grosse Zittern. Reichen die Noten fürs Gymi? Oder zumindest die SEK A? Denn hier liesse sich ja noch auf einen Aufstieg hoffen.

Den Bildungsweg mit dem geringsten Anforderungsniveau, vielerorts bekannt als Realschule, gilt es jedenfalls grossräumig zu umschiffen. Denn da landen doch nur die dummen Kinder, die Schulversager, die fortan auf einem absteigenden Ast befindlich sind – ein ebenso anmassendes wie ungerechtfertigtes Vorurteil, das sich in unserer leistungsorientierten Gesellschaft dennoch hartnäckig hält. Leider.

Zeit zum Umdenken

«Realschüler werden oft als «Kellerkinder» wahrgenommen.» zitierte die Aargauerzeitung 2016 die Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. Auf unsere Nachfrage, ob diese Wahrnehmung auch heute noch bestehe, erhalten wir eine verstörende Antwort: «Meiner Meinung nach hat sich diese Haltung sogar verstärkt», sagt Margrit Stamm. «Der Akademisierungstrend führt dazu, dass der Schulabschluss zum Statussymbol geworden ist. Tritt ein Kind ins Gymnasium ein, erntet die Familie Anerkennung. Andernfalls ist es umgekehrt.»

Doch die Expertin rät auch, zwischen Praxis und Wahrnehmung zu differenzieren. Denn in der Realität zeige sich ein anderes Bild. Oft wiesen Realschüler beispielsweise ein höheres mathematisches Niveau auf als Gymnasiasten, verfügten aber nicht über jene – unter dem Begriff Literacy zusammengefassten – sprachlichen Fertigkeiten. Dies meist aufgrund ihrer Herkunft aus einem anderssprachigen oder bildungsfernen Umfeld.

Zudem habe der Lehrlingsmangel in den letzten Jahren die Situation für Berufseinsteiger stark verbessert, und auch Realschullehrer bekräftigen, ihre Schulabgänger vermehrt direkt und mit Erfolg im Berufsleben platzieren zu können.

Unlängst bin ich in meinem Bekanntenkreis selbst mit dem hier behandelten Thema konfrontiert worden. Habe erlebt, wie besorgte Eltern nach Fehlern suchen, am Urteil der Schule zweifeln und am Ende an ihren eigenen Fähigkeiten. Gerade damit aber geben sie ihrem Kind (wenn auch unbewusst) verstärkt das Gefühl, auf ganzer Linie versagt zu haben.

«Die Eltern fühlen sich für den kindlichen Misserfolg verantwortlich.», bestätigt Stamm. «Glänzt das Kind in Schule oder Sport, ernten die Eltern viel Lob, beinahe als sei es ihr Verdienst. Und im umgekehrten Fall wird auch das auf die Eltern zurückgeführt.» Doch Leistungen entstehen immer aus einem Zusammenspiel zwischen Individuum und Umfeld, erklärt die Erziehungswissenschafterin. Mittels frühkindlicher Förderung und Zusatzangeboten glaube man heute, Kinder wie Edelsteine schleifen zu können. Doch Kinder haben ihre eigene individuelle Entwicklungsgeschichte. Dies zu akzeptieren, das falle den Eltern zunehmend schwer.

Drogen, Alkohol und kaum Perspektiven

Welche Ängste führen dazu, dass Eltern, gerade wenn sie eigentlich das Selbstvertrauen ihres Kindes aufzubauen gefordert sind, in Selbstzweifel verfallen?

Anskar Roth, Berufs-, Studien- und Laufbahnberater am Berufsinformationszentrum (biz) Horgen, vermutet: «Wahrscheinlich hängt diese Sorge mit den vermeintlich beschränkteren Auswahlmöglichkeiten ihres Kindes in der Berufswahl zusammen. Bei genauerem Hinschauen stellt man aber oft fest, dass eine gute Sek B-Schülerin (Realschülerin) genauso gute oder teils sogar bessere Chancen auf eine Lehrstelle hat wie ein Schüler mit einem schlechten Sek A-Zeugnis. Zudem sollte das Gewicht der Verhaltens- und Schnupperbewertungen nicht unterschätzt werden!»

Und weiter gibt Roth zu bedenken, dass sich auch aus einer Lehre heraus eine spannende Berufskarriere entwickeln kann – mit einem Doktorat an einer Universität als Höhepunkt. Es müsse also nicht zwingend direkt das Gymi sein. Wolle man später studieren, sei dies auch mit einer Berufsmaturität – und gegebenenfalls einer Passerelle – möglich. Ausschlaggebend für den späteren Berufserfolg, das betonen beide Stellen, ist jedoch vor allem die intrinsische Motivation der Kinder. Ein Gymi-Schüler, der ständig mit Nachhilfestunden und erhobenem Zeigefinger zu Leistungen gepusht werden muss, erkennt kaum das Zusammenspiel zwischen Eigenregie und Erfolg. Zudem folgt auf das Gymi häufig ein anspruchsvolles, langjähriges Studium, das solche Kinder ohne den elterlichen Anstoss kaum durchstehen können.

Charakterbildung statt Nachhilfestunden

Es scheint also höchste Zeit, dass die Gesellschaft schulische Leistungen nicht mehr mit Lebensglück gleichsetzt. Schliesslich sei erwiesen, sagt Margrit Stamm, dass Schüler mit herausragenden Noten oft eine deutlich geringere Frustrationstoleranz und Resilienz aufwiesen als jene, die schon in jungen Jahren auf Widerstand gestossen seien. Und gerade Eigenschaften wie Widerstandsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen könnten im späteren Leben über beruflichen Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Auch die Angst, Realschüler würden schneller zu Drogen und Alkohol greifen, sei nichts als ein Vorurteil, bestätigen sowohl der langjährige Berufsberater als auch die Erziehungswissenschaftlerin. Vielerorts würden Realschule, Sek und Gymnasium zusammengelegt, um diese vermeintliche Ghettoisierung zu verhindern. Und die Erfahrung zeige deutlich, dass Jugendliche ganz unabhängig vom Schulniveau auf die schiefe Bahn geraten könnten.

Fazit:

Liebe Gesellschaft, liebe Eltern, helft, diese Klischees endlich aus dem Weg zu räumen. Verzichtet auf Begriffe wie Idiotenschule, stell Eure eigene Eitelkeit zurück und beginnt damit, Euren Kindern eventuell verlorenes Selbstvertrauen zurückzugeben. Erklärt, dass zukünftige Arbeitgeber weitaus mehr Interesse am Wesen und Charakter ihrer Angestellten zeigen als am Schulzeugnis der 6. Klasse. Ermutigt Eure Sprösslinge in ihren Stärken, auch wenn diese nicht schulischer Natur sind, und gebt ihnen mit, dass sie in ihrem Leben alles erreichen können, wenn sie aus eigenem Antrieb dazu bereit sind.

Im Original erschienen auf bluewin.ch am 23.04.2019